Ein endloser Kreislauf

Spirituelle / religiöse Menschen haben viele unterschiedliche Vorstellungen von Energie. Was die meisten Richtungen eint, ist die Auffassung, dass Energie immer zu ihrem Ursprung zurückfließt. Dazu gehört auch die bereits im zweiten Teil erwähnte Shiva-Shakti-Philosophie.​

Die Lehre ist auch als Tantra bzw. Kundalini-Yoga bekannt. Sie ist keine Philosophie im klassischen Sinne, sondern im Wesentlichen eine Erfahrungswissenschaft. Im Zentrum der Lehre steht das Wirken des Götterpaares Shiva und Shakti.

Shiva ist die Verkörperung von Brahma, welcher der einzig wahrhaft Seiende ist, der die manifestierte Welt und alle ihre Erscheinungen hervorbringt, die er gleichzeitig selbst ist und beherrscht. Shiva steht im Tantra für das stets gleich bleibende Bewusstsein, auf dem sich das Drama der Welt als Manifestation von Shakti, der kosmischen Urenergie, abspielt.

Ewige Liebe erzeugt unsere Welt

Die alten Inder scheuten sich nicht das Wirken von Shakti explizit darzustellen. Auf alten Tempeldarstellungen, wie zum Beispiel beim Chitragupta Tempel im zentralindischen Madhya Pradesh, sieht man Shakti auf dem Schoß ihres göttlichen Gatten sitzend oder in sinnlicher Umarmung mit ihm. Durch ihre lustvollen Bewegungen bringt sie die Potenz ihres Mannes zum Fließen und verhilft ihr zur Manifestation. Somit geht alles Existierende sowohl in der sichtbaren als auch in der unsichtbaren Welt auf das Wirken von Shakti zurück.

Sie ist die Quelle, die sich gleich einem Wasserfall immer weiter auffächert. Aber alles was sie erzeugt, besitzt auch Bewusstsein von Shiva. Im Falle des Menschen ist es das menschliche Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist wie ein Spiegel, an dem die kosmische Urkraft reflektiert wird. Diese reflektierte Energie im Menschen heißt Kundalini. Sie ist die evolutionäre Kraft, die das menschliche Bewusstsein zurück zum Ursprung führt.

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Parallelen zur Physik

Das beschriebene spirituelle Konzept lässt sich gewissermaßen mit einem reversiblen Prozess aus der Physik vergleichen. Beschrieben werden damit thermodynamische Zustandsänderungen von Körpern, die jederzeit wieder umgekehrt ablaufen könnten, ohne dass die Körper oder deren Umgebung dabei bleibende Veränderungen erfahren. Klassische Beispiele für solch ein Ereignis sind der springende Ball oder das ausschlagende Pendel, die am Ende des Geschehens (fast) wieder in ihre Ausgangsposition zurückkehren.

Überhaupt ist die moderne Physik spirituellen Konzepten von Energie näher, als man zunächst vermuten möchte. So gibt es in der Quantenphysik das Phänomen der sogenannten Vakuumenergie. Darum soll es im letzten Teil meiner Reihe gehen.

Bildnachweise:
Statur von Buddha/Shiva und Shakti: KiraHundeDog auf Pixabay
Kettenanhänger: Orna Wachman auf Pixabay